Gedanken zum 3. Jahrestag vom Feuerwehrunglück Gretzenbach

in
27 November 2007

«Die Zeit heilt alle Wunden»

Das Sprichwort sagt es so. «Man braucht halt Zeit!» sagt eine andere Redewendung. Irgendwie ist etwas Wahres dran. Und doch – stimmen diese Aussagen? Sind es die Wunden, die geheilt sind, wenn man zur Tagesordnung übergeht? Oder, wenn man zur Tagesordnung übergeht, sind die Wunden geheilt? Darf man drei Jahre nach der Tragödie, bei der sieben gute und liebe Kameraden das Leben verloren haben, einfach zu Tagesordnung übergehen? Dürfen diese Wunden heilen? Nennt man das «zur Tagesordnung übergehen», wenn die eigene Aufgewühltheit von aussen nicht mehr so sichtbar ist wie noch letztes oder vorletztes Jahr?

Der Weg vom Magazin in Schönenwerd zum Unfallort in Gretzenbach ist in 25 Minuten zu Fuss ohne weiteres zu bewältigen. 25 Minuten Zeit, sich Gedanken zu machen, was eigentlich am besagten 27. November passiert ist. Ohne «wenn» und «aber» und «hätte» und «wäre» und «könnte». Sich Gedanken zu machen, wo wir heute sind und was wir aus dem Erlebten gemacht haben. Wie wir damit umgegangen sind – wie es jeder einzelne angenommen hat.

 

Was ist «Verarbeiten»?

Es ist das Zulassen und Annehmen von Gedanken ohne körperliche und seelische Reaktionen zu haben. Reflektieren zu können, ohne irgendwohin abzudriften. Die Gedanken annehmen, ohne Verantwortung für das Geschehene zuzuweisen oder abzustreiten. Aber doch ehrlich und aufrichtig zu sein mit sich selber.

 

Es ist nicht leicht!

Die Fakten akzeptieren ist nicht einfach. Der Glaube, an was auch immer, wird belastet. Während der Erfüllung eines Rettungsauftrags wurden wir getötet, verletzt, geschockt. Schwer verletzt – körperlich oder seelisch. Unwiederbringlich.   

 

Und jetzt?

Der Gedenkstein vor der neuen, «edlen» und mit High Tech versehenen Tiefgarage in Gretzenbach ist schwer zu finden. Hastig parkierte Autos und ein Elektroverteilkasten versperren den Weg dazu und die Sicht darauf. Bis vor noch nicht allzu langer Zeit waren sogar noch die Abfallcontainer unmittelbar daneben.

Alle Gedanken vom Weg zum Unfallort werden relativiert, bekommen eine andere Dimension, wenn wir jetzt vor dem Stein stehen. Was sind wir Feuerwehrfrauen und -männer wert? Was sind wir der Gemeinschaft, unserer Gesellschaft wert? Was sind wir uns, uns selber wert? Dürfen wir einen besseren, würdigeren Platz für den Gedenkstein verlangen? Ist ein anderer Platz besser? Brauchen wir überhaupt einen Gedenkstein? Oder heisst «Wunden heilen» etwa nur «Erinnerungen löschen?»

Henry Dobler
Zukünftiger Ex-Pikettchef P1, damaliger Oblt und Stv AS Gruppe der SPFS
henryman56@gmail.com